Page 8 - unsere brücke / Dezember 2023 bis Juni 2024
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  Dr. Josef Keplinger
Liturgiereferent, Linz
Wo und wie Gott und Mensch sich begegnen Gedanken zum Kirchenraum
Wo wohnt eigentlich Gott?, so die Frage eines Schulkindes. Sie fordert heraus. Gott durchwirkt und erfüllt alles, was ist. Er lässt sich nicht
an einem bestimmten Ort festmachen. Er umgibt uns Tag für Tag.
Er erfüllt unsere Herzen. Er vergegenwärtigt sich im Feiern in unserer Mitte. Das ist das eine. Das andere ist: Was kann uns helfen, diese Wirklichkeit tiefer zu erfahren, sie sinnlich wahrzunehmen?
Diese Frage führt uns zur Praxis der Kirche, für die Feier des Gottes- dienstes spezielle Räume zu gestalten und aufzusuchen. Kirchenräume vermehren nicht die Gegenwart Gottes auf Erden, aber sie machen sie für uns ein Stück weit „begreifbarer“. Sie stehen zuerst und grund- legend im Dienst der feiernden Gemeinde, indem sie ihr im funktio- nalen Sinn Raum geben und gleichzeitig auf das Geheimnis verweisen, in das sie im Vollzug der Liturgie hineingenommen wird. Das spiegelt sich konkret in der besonderen Ausgestaltung der drei liturgischen Hauptorte im Kirchenraum wider: am Vorsteherort, am Ambo und am Altar.
Das zweite Vatikanische Konzil hat neu in Erinnerung gerufen, dass Christus selbst sich im liturgischen Feiervollzug in unterschiedlicher Weise vergegenwärtigt. Wenn die Beschreibung der Eucharistiefeier im Messbuch mit dem Hinweis beginnt, dass die Gemeinde sich versammelt, dann ist damit ausgesagt: Im Vollzug der Sammlung wirkt der Auf- erstandene selbst. Er ist die Mitte dieser Versammlung. Er ist es, der die Seinen zusammenruft. Der Priester wird in Entfaltung der Tauf- berufung zum Dienst geweiht, den unsichtbar gegenwärtigen Herrn inmitten der Versammlung darzustellen und in seinem Namen als Vorsteher der Versammlung liturgisch zu handeln. Aus diesem Blick- winkel heraus ist der Ort, der dem Priester für den Leitungsdienst zugewiesen wird, nicht nur ein beliebiger Stuhl, sondern ein symbol- theologischer Ort, der nach altkirchlichem Verständnis auf Christus, den eigentlichen Leiter (Hirten) der Gemeinde, verweisen
will und in Erinnerung ruft: das Wesen der Liturgie ist Versammlung um den in der Kraft seines Geistes gegenwärtigen Herrn.
In gleicher Weise ist jener Ort in den Blick zu nehmen, der den Mittpunkt des Wortgottesdienstes bildet: der Ambo. Vom Ambo aus werden die Lesungen, der Antwortpsalm und das Evangelium verkün- det und in der anschließenden Homilie ausgelegt. Hält man sich vor Augen, was sich im Zuge der Schriftverkündigung ereignet, so wird deutlich: auch der Ambo ist mehr als ein Lesepult. Vom Ambo aus hört die Gemeinde das Wort, das in Jesus Christus Mensch geworden ist. Er ist der „Tisch“, an dem die Feiernden durch Gottes Wort genährt
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