Page 4 - unsere brücke / Dezember 2023 bis Juni 2024
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  Prof. Ewald Volgger OT
KU Linz
Liturgie als Grundauftrag von Kirche und ihre Sakramentalität
Die Kirche als Gemeinschaft von Menschen, die sich von Christus gerufen und getragen wissen, ist eine Bekenntnisgemeinschaft. Sie bezeugt, dass Jesus von Nazareth seinen Lebensweg im Sinne Gottes gegangen ist. Sein Leben und Sterben, seine Auferstehung und sei-
ne geistgewirkte Gegenwart prägen die Menschen, geben ihnen Halt und deuten ihren Lebensweg. In den liturgischen Feiern der Kirche versammeln sich die Gläubigen, um diese Überzeugung zu teilen und sich je neu von der wirksamen Gegenwart des Auferstandenen gestal- ten zu lassen. Geistgewirkte Gegenwart bedeutet, dass eine lebendige Beziehung erfahren wird, die sich im inneren Dialog, im Herzensge- spräch, äußert. Der Auftrag zur gemeinsamen Erfahrung des Glaubens ist grundgelegt im Auftrag Jesu, sich zu versammeln und seiner zu gedenken. Das Evangelium berichtet von der Zusage an die Jünger und Jüngerinnen, dass er künftig bei ihnen sei. Wo immer zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, dürfen sie auf dieses Versprechen zählen und sich auf seine Gegenwart einlassen.
Die Erfahrung der ersten christlichen Gemeinschaften bestätigen diese Zusage. Der erste Schritt dieser Erfahrung war sicherlich, dass die Menschen um Jesus nach seiner Hinrichtung am Kreuz die ver- sprochene Gegenwart als Auferstehungserfahrung machen durften. Sie bestätigten sich gegenseitig in dieser Erfahrung so sehr, dass eine sich gegenseitig bestärkende Vertrauensgemeinschaft wachsen konn- te. Die Weitergabe dieser Erfahrungen und die Bestärkung wird als Geschenk Gottes erfahren. So berichtet Paulus, der Jesus nicht mehr persönlich kannte, von einer lebensverändernden Erfahrung, die ihn vom leidenschaftlichen Verfolger zum überzeugenden Botschafter des auferstandenen Herrn verwandelt.
Solche Erfahrungen werden in der Zusammenkunft der Gläubigen zunächst mündlich ausgetauscht, dann auch in Briefen von Gemeinde zu Gemeinde geschickt. Im Hören auf diese Berichte, im Bedenken der Schriften Israels und im Erzählen der Geschichte Jesu erfahren die Gläubigen Trost und Halt, Freude und Zuversicht, insbesondere auch in der Verfolgung. Sie kommen zur Feier des Letzten Abendmahls zusammen, singen Psalmen, Hymnen und Lieder und brechen das Brot miteinander, teilen den Wein und dürfen so die lebensbegleitende Kraft des Auferstandenen teilen. So wuchs die Glaubensgemeinschaft zur Zeugnisgemeinschaft für Christus. Im karitativen Wirken sorgten sie für die Armen und Notleidenden unter ihnen und bezeugten so die Sorge Gottes für die Menschen.
Aus dieser Ursprungserfahrung lässt sich der Grundauftrag der Kirche ablesen. Gläubige versammeln sich regelmäßig, um sich in der
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