Page 11 - unsere brücke / Dezember 2023 bis Juni 2024
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 Nicht von ungefähr spielt deshalb die Erinnerung der Geschichte Gottes mit seinem Volk, die memoria Dei (und zwar sowohl im Genitivus subjectivus als auch im Genitivus objectivus), eine zentrale Rolle in der biblischen Gebetstradition. Diese memoria ist aber nie einfach nur Fetischisierung der Vergangenheit, sondern aktualisierende Erinnerung: Sie pocht und vertraut darauf, dass das früher geschehene Gute auch heute wirksam wird und es sich in die Geschichte der Betenden selbst einschreibt.
Ein Name – auch der einer Person – ist in diesem Sinn unendlich bedeutungsschwanger (wer könnte schon die ganze Geschichte Gottes, eines Menschen oder auch nur eines Berges erzählen?). Zugleich
bleibt aber der Name ohne das Erzählen dieser Geschichte(n) nichts- sagend, leer. Der Name transzendiert jede Erzählung. Er ist von daher gewissermaßen „flatus vox“, reiner Laut, weil er nichts Allgemeines bezeichnet, sondern gerade darauf abzielt, etwas (oder jemanden) Singuläres zu benennen bzw. anzurufen. Der Name, insbesondere das nicht-vokalisierte Tetragramm, wahrt insofern auch die Unfasslichkeit Gottes ebenso wie die Unendlichkeit des menschlichen Sehnens. Die Namensanrufung versucht nicht den Anderen begrifflich zu bestim- men. Sie sagt nicht so sehr etwas über eine Person, sondern wartet auf eine Antwort, in der der Andere selbst sich geben, sich schenken und sich offenbaren kann.
In der betenden Konfrontation des menschlichen Sehnens mit den Texten der Geschichte des Gottesnamens widerfährt den Betenden deshalb zunächst eine Ent-setzung. Die Texte entreißen die Sehnsucht ihrem Kreisen um sich selbst, ihrer Verhaftung auf Eigenes, Bestimm- tes, und öffnen es für die Geschichte und das Sehnen des und der Anderen. Das Gebet kann nicht zuletzt die Gnade der Veränderung des Sehnens, eine Weitung des Blicks und ein Abrücken vom eigenen Wollen erwirken. Erst dann vermag aufzugehen, dass das vermeintlich eigene Sehnen schon immer der Ruf und das Wollen eines Anderen gewesen ist.
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