Page 10 - unsere brücke / Dezember 2023 bis Juni 2024
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Prof.in
Dr. Isabella Bruckner
S. Anselmo, Rom
Der Sehnsucht einen Namen geben Gedanken zum Gebet
Papst Franziskus gibt seinem Apostolischem Schreiben zur litur- gischen Bildung des Volkes Gottes einen auffälligen Titel: Desiderio desideravi – „mit Sehnsucht habe ich mich danach gesehnt“. Und er stellt der Anrede seines Briefes das Bibelzitat voran, dem diese eigen- artige Formulierung entstammt. Auf Deutsch:„Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen.“ (Lk 22,15) Jesus spricht diese Worte beim sogenannten „Letzten Abendmahl“ zu seinen Schülern – die Geburtsstunde der Eucharistie und damit Gravitationspunkt christlichen Feierns generell.
Der Titel des Papstbriefes und der Vers aus dem Lukasevangelium sagen uns jedoch nicht nur etwas über die Liturgie, sondern über das Gebet generell. Denn die Sehnsucht kann nicht nur als Ursprung der Eucharistie, sondern ebenso als jener des Gebets betrachtet werden. Dies wusste bereits der lateinische Kirchenvater Augustinus, von dem uns das berühmte Dictum „ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in Dir“ (Conf. X, 1,1) überliefert ist und der Sehnsucht und Gebet bisweilen sogar in eins setzt:„Dein Sehnen ist dein Gebet. Und wenn du dich unaufhörlich sehnst, betest du unaufhörlich.“ (En. Ps. 37,14)
Die Unruhe, von der Augustinus spricht, zeichnet den Menschen
als ein Wesen aus, das nie ganz bei sich selbst zu Hause ist, kaum
je ganz zufrieden und stets auf der Suche nach einem „Objekt“, das seinem unendlichen Hunger auf „mehr“ entsprechen könnte. Das Gebet bietet der Sehnsucht einen Raum, der es ihr erlaubt, zu sich zu kommen und dem, was da ist, ebenso wie dem, was fehlt, in Sprache, Geste und Gesang Ausdruck zu verleihen. Der Mensch kommt dort in seine Wahrheit, wo er seinem Mangel (in der Bitte), der Erfahrung des Verlusts und der Bedrohung (in der Klage), ebenso wie der Erfüllung des Sehnens (im Dank) oder dem Überschuss der Freude (im Lob) eine Form der Symbolisierung anzubieten vermag.
Die Symbolisierung der Sehnsucht zielt im Letzten auf ein Du und damit auf die Anerkennung und Liebe durch einen Anderen, auf
den die biblische Tradition mit dem Gottesnamen JHWH verweist. Vor aller Bitte und Klage, allem Lob und Dank ist das Gebet deshalb zunächst Appell, Anrufung des Namens. Es schafft Beziehung mit dem, der sich am Sinai als der Mitgehende und Zukunftsverheißende (Ex 3,6.14) sowie gleichsam als der sich dem Menschen in Güte und Barm- herzigkeit Zuwendende (Ex 34,6f.) offenbart.
Der Gottesname, in dem die Sehnsucht und das Gebet ihren letzten Bezugspunkt finden, ist ein spannendes sprachliches Gebilde. Er verweist auf Geschichten, die die Bedeutung dieses Namens erzählen.
 





















































































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