Page 8 - unsere brücke / Juni bis Dezember 2023
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Mag. Johann Karner
Spiritual
„Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.“ (1 Kor 12,27)
Wenn ich an Kirche als Gemeinschaft von Glaubenden denke, fällt mir das Bild eines alten Wagenrads ein. Es hat eine Nabe, die sich um eine Wagenachse dreht. Von der Nabe gehen Speichen aus, die den Rad- kranz halten.
Was die Nabe für ein Wagenrad ist, ist die Feier der Eucharistie für die Kirche. Um sie dreht sich alles kirchliche Leben. Die Eucharistie ist das Zentrum, sie ist konstitutiv für eine christliche Glaubensgemeinschaft im Kleinen wie im Großen. Von ihr wird die Christengemeinde zu- sammengehalten, weil Christus selber Mitte und Hauptakteur bei der Eucharistiefeier ist.
Es beginnt bereits mit der Versammlung der Christgläubigen. Von Christus gerufen kommen sie am Sonntag zusammen, um seinem Auftrag Folge zu leisten:„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Der Ver- sammlung an sich schon sagt ER seine Gegenwart zu:„Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20).
Im Bußakt bitten wir Gott um Sündenvergebung.„Sünde“ ist alles,
was menschliches Beziehungsleben erschwert oder gar verhindert, alles was Menschen absondert, isoliert, alles, was ein gutes Gemein- schaftsleben stört.„Sünde“ – das sind gebrochene Speichen im Wagen- rad. Was die Verbindung der Gläubigen untereinander schwächt, hängt mit einer Schwächung der Verbindung mit der Mitte, Christus, zusam- men. Deshalb beinhaltet auch der Bußakt ein wichtiges gemeinschafts- förderndes Geschehen: Gott selber befreit uns von dem, was uns von IHM und von unseren Mitmenschen absondert.
Das Wort Gottes, insbesondere das Evangelium, zielt sehr oft auf
ein gelingendes menschliches Miteinander. Wenn beispielsweise Jesus Aussätzige heilt, so schenkt er ihnen nicht nur Gesundheit, sondern
er ebnet ihnen zugleich den Weg zur Reintegration in die menschliche Gesellschaft.
Unser Erfahrungshintergrund, dass gemeinsames Mahlhalten, insbe- sondere ein Festessen, Menschen zusammenführt und verbindende Spuren hinterlässt, legt es nahe, dass auch der zweite Hauptteil der Messe, die Mahlfeier, zutiefst gemeinschaftsstiftend ist. Alle Mit- feiernden legen mit den Gaben von Brot und Wein ihr Leben, ihre schönen und ihre betrüblichen Erfahrungen auf den Tisch des Herrn. Der Priester ruft den Heiligen Geist auf sie herab. ER ist das unsicht- bare Band, das uns mit Christus und untereinander verbindet. Diese Verbindung wandelt nicht nur Brot und Wein auf dem Altar, sie wan- delt auch uns selbst in Richtung vermehrter Gemeinschaftsfähigkeit.
 





















































































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