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Bruecke_06_2014

24 Ein Kleinod: Die Kirchenbänke der Priesterseminarkirche in Linz Ein Gemeinschaftswerk des Architekten Johann Lukas von Hildebrandt und des Tischlers Wolfgang Rachinger 1711 erwarb der Erzbischof von Salzburg, Franz Anton Graf Harrach, ein Anwesen in Linz, um eine Kommende des Deutschen Ritterordens zu errichten. Er übertrug den Gebäudekomplex seinem Bruder, Joseph Philipp, der 1718 mit dem Bau der neuen Kirche unter der Leitung von Johann Lukas von Hildebrandt (1668-1745) begann. Nach fünfjähriger Bauzeit wurden die Arbeiten beendet. 1776 gab der Orden die Kommende auf. An dieser Stelle interessiert die Bestuhlung, die der Tischlermeister Wolfgang Rachinger aus Linz um 1721 verfertigte. Sie besteht aus 14 Bänken, hinzu kommen die beiden Brustwände. Pilasterartige Bänder gliedern die Brüstungen, verkröpfte Sockel und Gebälke begrenzen sie in der Horizontalen. Die Füllungen, deren Kontur von Vor- und Rücksprüngen geprägt ist, liegen nicht vertieft in den Rahmen, sondern stehen erhaben vor der Grundfläche. Langgezogene S-Schwünge formen die weich fließenden Kanten der balusterförmigen Wangen. Die Bögen rollen sich an den Enden zu Voluten ein, über die sich Blattwerk legt. Geschnitzte, mit vegetabilen Ornamentmotiven verzierte Sprenggiebel bekrönen die Docken. Ansonsten verwendete Rachinger zur Herstellung der Möbel Furniere aus Nussbaum und Nussbaummaser, in die er miteinander verkettete Adern einlegte. Im Vergleich mit zeitgenössischem Mobiliar anderer Kirchen fallen an den Bankwangen wichtige Details auf: Besitzen die Docken um 1720 häufig eine asymmetrische Kontur, sind sie hier symmetrisch aufgebaut. Ferner war man normalerweise bemüht, die Stirnseiten von Knie- und Sitzbänken hinter den Wangen zu verbergen. Die Möbel in der Priesterseminarkirche vermitteln dagegen den Eindruck, dass darauf keinerlei Wert gelegt wurde. Während sich die Docken in der Frontalansicht oft als eigenständige Einheiten präsentieren, werden sie nun in Verbindung mit den Bänken gezeigt. War man sonst bemüht, die tragende Funktion der Wangen zu verschleiern, wird sie hier betont. Nach einem Beschluss des Konzils von Trient sollten Architekten nicht nur die gemauerte Raumhülle von Kirchen entwerfen, sondern auch das Mobiliar. Entsprechend häufig werden sie die Einrichtungen geplant Dr. Michael Bohr Freischaffender Kunsthistoriker in Wien


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